Skills vom Fliessband - warum Kompetenz kein Lagerbestand ist
Wir leben angeblich in einer VUKA-Welt – einem dynamischen Raum radikaler Volatilität, grosser Unsicherheit, unentwirrbarer Komplexität und mehrdeutiger Ambiguität.* In dieses Chaos dringt die künstliche Intelligenz rasant in alle Lebensbereiche vor und rekonfiguriert die Struktur unseres Denkens, Arbeitens und Lebens von innen heraus. Als unmittelbare Reaktion auf diese fundamentale Erschütterung formulieren Stimmen aus der Wirtschaft und aus der Bildungsgemeinde das Postulat, es brauche dringender denn je so genannte Future Skills, um die Handlungsfähigkeit des Menschen zu sichern.
Man untermauert diese Postulate mit Katalogen und Referenzrahmen, die planwirtschaftlich festlegen, was angeblich zu erwerben sei – seien es kritisches Denken, Kreativität, Kollaboration oder eine umfassende Datenkompetenz. Diese Vision, die durchaus technokratische Züge hat, suggeriert, dass man komplexe menschliche Dispositionen am Reissbrett isolieren, linear trainieren und am Ende betriebswirtschaftlich verbuchen könne.
Der Begriff des „Skills“ entstammt jedoch der Fabrikhalle. Er ist das intellektuelle Erbe von Frederick W. Taylors tayloristischer Organisation und der behavioristischen Konditionierung. Ein Skill beschreibt ein standardisiertes Verhaltensmuster, das sich immer gleichbleibend replizieren lässt – massgeschneidert für die Taktung am Fliessband und für das Verhalten in Kontexten mit stabilen Rahmenbedingungen. Eben deshalb taugen diese atomisierten Fertigkeiten erst recht nicht, um in einer unvorhersehbaren VUKA-Welt zu bestehen. Selbst wenn man den Fertigkeiten das modische Präfix „Future“ voranstellt, lassen sich damit genuine menschliche Potenziale wie Resilienz, Anpassungsfähigkeit oder Haltung kaum angemessen beschreiben. Hier versagt die Konditionierung. Diese Fähigkeiten sind keine abrichtbaren Handlungsmuster, sondern das lebendige, unentwirrbare Geflecht kognitiver, emotionaler und sozialer Prozesse.
Am Postulat des „Kritischen Denkens“ zerschellt das mechanistische Paradigma vollends. Denken ist keine abrufbare Software. Es ist ein verkörperter, situierter Akt. Michail Bachtin demonstriert dies in seinen Studien zur Dialogizität (Die Ästhetik des Wortes): Kognition ist ein permanentes Zwiegespräch mit dem fremden Wort; Bedeutung emergiert erst in der Reibung der sozialen Verhandlung. Wahre Metareflexion verlangt die Kraft, die eigenen Prämissen radikal zu bezweifeln. Stephen Downes begreift diese Metahandlungen in seinem Werk Connectivism and Connective Knowledge folgerichtig nicht als statischen Zustand, sondern als dynamische Bewegung in einem lebendigen Netzwerk: Filter, Repurpose, Remix, Feed Forward. Wir aggregieren den Informationsstrom, entwerfen neue Sinnzusammenhänge, verschmelzen sie mit unserer Erfahrung und speisen das Resultat als Erkenntnis in die Gemeinschaft zurück. Das erfordert Multiperspektivität – die Fähigkeit, die unweigerliche Ambivalenz der Realität ungeschützt auszuhalten. Deduktives Regelwissen versagt im Unvorhersehbaren. Wir müssen abduktiv vorgehen, wie Charles S. Peirce in seinen Schriften zum Pragmatismus aufzeigte: In unübersichtlichen Lagen kühne Hypothesen bilden und situative Impulse blitzschnell mit den eigenen Erfahrungswerten kurzschliessen. Erkenntnis speist sich aus gelebter Existenz.
Um Lernprozesse für solche komplexen Umgebungen fruchtbar zu definieren, braucht es ein radikal dynamisch-prozessuales Kompetenzverständnis. Die Berufsbildung bietet hier mit dem CoRe-Modell (Competences-Resources) einen schlichten, aber wirkmächtigen Gegenentwurf zum technokratischen Reduktionismus der gängigen Skills-Kataloge. Zwar definierte Franz E. Weinert Kompetenzen in seinen Beiträgen für das OECD-DeSeCo-Projekt (Defining and Selecting Key Competencies) noch primär als kognitive Dispositionen zur Problemlösung. Doch Guy Le Boterf bricht in seinem Werk Construire les compétences individuelles et collectives das statische Korsett endgültig auf: Kompetenz ist kein totes Inventar an Fertigkeiten, sondern ein situatives, lebendiges „savoir agir“ – die fähigkeitsbasierte Orchestrierung von Ressourcen wie Wissen, Haltung, Netzwerken und Erfahrung. Man besitzt Kompetenz nicht; sie emergiert im Moment der Tat.
Dieses Verständnis vereint in seiner Schlichtheit genau jene Elemente, die ein Handeln im Chaos ermöglichen, und spiegelt sich auf biologischer Ebene wider: Lernen ist ein verkörperter Prozess des „In-der-Welt-Seins“. Wie Humberto Maturana und Francisco Varela in ihrer Systemtheorie Der Baum der Erkenntnis nachgewiesen haben, entspringt Kognition der beständigen strukturellen Koppelung des Organismus mit seiner Umwelt. Jede Perturbation moduliert unsere innere psycho-biologische Architektur neu. Kompetenz ist das prozessuale Resultat dieser Koppelung.
Auch mit den aktuell kursierenden „K-Kompetenzen“ (den 4C) hat dieser prozessuale Ansatz nichts zu tun. Zwar kapern diese Konstrukte den Begriff der Kompetenz, doch sie tilgen jegliche situative Kontextualität. Durch diese Entwurzelung aus der gelebten Praxis liegen die 4C voll auf der Linie der ahistorischen Future-Skills-Ideologie. Der Versuch, die menschliche Natur auf administrativ verwaltbare Komponenten zu reduzieren, greift zu kurz.
Die laute Forderung nach „Kritischem Denken“ und „Kreativität“ entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie. Um diese Fähigkeiten tatsächlich zu nähren, müssten wir genau jene Praktiken stärken, die historisch den Geist weiten: unter anderem Sprachen, Literatur, Philosophie, Kunst, Musik oder Geschichte. Doch gerade diese Disziplinen haben in einem System, das dem Diktat der unmittelbaren Verwertbarkeit gehorcht, einen schweren Stand. Könnte es sein, dass es sich lohnte, weniger dem Ruf nach „Future Skills“ zu folgen und wieder mehr Aufmerksamkeit (und Ressourcen) den allgemeinbildenden und humanistischen Disziplinen zu widmen? *Das Akronym “VUKA” verfehlt es nicht, eine gewisse Beunruhigung auszulösen; gleichzeitig scheint es auch eine gewisse Novität auszudrücken. Es sei hier dahigestellt, ob berechtigterweise oder nicht. Das Leben im Paläolithikum dürfte aus Sicht eines damaligen Humanoiden unter Umständen auch ziemlich VUKA gewesen sein.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen